Warum mir Bahar Yilmaz‘ Worte Schmerzen bereite(te)n


„Ich bin ein Fehler und ich liebe es.“


… erscheint da plötzlich in meinen Facebook-Newsfeed … die Worte sind wie ein Tritt in die Magengrube, ich zucke zusammen, mein Atem stockt … ich traue mich weiterzulesen.
Zitiert wird Bahar Yilmaz – Autorin, Seminarleiterin und Speakerin für moderne Spiritualität.

Ernsthaft?! Ich ringe nach Luft! Boah, die Worte „erwischen“ mich! So eine Formulierung! Geht’s noch!?!

1000 Fragezeichen in meinem Kopf: Wie kann Bahar, eine wundervolle, gestandene Frau, die sich mit Persönlichkeitsentwicklung befasst, so etwas sagen? Und WARUM? Wie meint sie das?

Meine Gedanken sind sofort bei meinen (hoch-)sensiblen Kundinnen: wie sie sich wohl fühlen, wenn sie dieses Zitat lesen!?

Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass wir wahrnehmungsbegabten Empathen (zu) häufig denken und hören, dass wir „falsch“ sind, „anders“, „kompliziert“ und deswegen auch Ausgrenzung und Ablehnung erfahren!

Vielen der feinsinnigen Frauen, die ich begleite, geht es wie mir: wir „arbeiten“ daran, unsere ewigen Selbstzweifel und Glaubenssätze – „Ich bin nicht (gut) genug.“ oder „Ich bin falsch, so wie ich bin“ – aufzulösen. Und idealerweise auch den damit verbundenen Perfektionismus, der oft ein Schutzschild ist! Und befreien uns von dem (un)bewussten Gedanken: Wenn wir „perfekt“ sind und keine Fehler! machen, bemerkt unser Gegenüber hoffentlich nicht die vermeintlichen „Schwächen und Defizite“ und mag uns bestenfalls! Denn das Harmoniebedürfnis und der Wunsch nach Wertschätzung sind bei uns Hochsensiblen in der Regel stark ausgeprägt. Wir sehnen uns danach angenommen und gehört zu werden – auch wenn oder gerade weil wir „anders“ sind mit unserer Hochsensibilität bzw. diesem Wesenszug!

Aus den Gründen finde ich das Zitat wahrscheinlich auch erst mal schwer anzunehmen! Mit der Bewertung „ ein Fehler zu sein“ verbinde ich keine Liebe, wie es offenbar Bahar möglich ist!


Wikipedias Definition von `Fehler´


„Ich bin ein Fehler und ich liebe es.“

Der Satz kreist und wirkt weiter in jeder Zelle meines Körpers! Ich möchte ihn gern verstehen und einordnen können! Denn noch – so unergründet bzw. nicht reflektiert – machen mir die Worte Bauchschmerzen – vor allem mit den ersten vier bzw. mit der Kombination von ‚ich bin’ und ‚Fehler’!

Mit dem „ich bin“ besteht eine höhere „Gefahr“ des Identifizieren und Verinnerlichen dessen, was wir denken! Doch wir sind nicht unsere Gedanken!
Vermutlich spürst auch Du die Kraft der Aussage bzw. den Unterschied, wenn ich formuliere: „Ich bin ein Fehler.“ im Vergleich zu „Ich habe/mache einen Fehler.“ Das erzeugt ein anderes Bild und Empfinden, oder!? Kurzum die Wortwahl verstärkt, wie wir uns fühlen – im Positiven wie Negativen!

Daher versuche ich mich mal über die Definition eines Fehlers zu nähern!

Bei Wikipedia steht: „Ein Fehler ist die Abweichung eines Zustands, Vorgangs oder Ergebnisses von einem Standard, den Regeln oder einem Ziel.“

Puh, hilft mir das jetzt weiter!?


Wie ich `Fehler´ definiere


Da springen mir gleich provokative Fragen in den Kopf, wie: Wer legt denn den Standard von uns Menschen fest? Woran erkenne ich bzw. weiß ich, dass ich „abweiche“?
Das driftet dann schon in eine rassistische Richtung ab, wie ich finde…

Dann versuche ich es mal mit meiner eigenen „Definition“ bzw. Sicht auf Fehler!

„Fehler sind wichtig, um zu lernen und sich persönlich weiterzuentwickeln!“

Dennoch gebrauche ich das Wort ungern, weil ich es zu sehr mit „etwas Falschem“ assoziiere! Gleichzeitig sind „Fehler“ mitunter sehr wertvoll auf dem Lebensweg – daher nutze ich lieber: Erfahrungen!

Wenn ich das einsetze, klingt der Satz für mich deutlich stimmiger:

„Ich bin eine Erfahrung und ich liebe es.“

Ich liebe es, selber Erfahrungen zu sammeln und diese zu teilen, wenn es gewünscht ist.

Ich liebe es, wenn jemand mit mir seine Erfahrungen macht – ich ihn inspirieren kann und/oder zum Nachdenken anrege.

Ich l(i)ebe, zu erfahren.


Der Yin-Yang Schlüssel


In meinem Bauchraum wird es friedlicher – ich erlaube mir eine weitere Schleife zur Annäherung ans Zitat zu drehen und schaue nach der Wortbedeutung von Fehler!

Etymologisch betrachtet entstammen die Worte „Fehler“, „fehl“, „fehlen“ oder „falsch“ von Betrug/Täuschung (lat. falla -Substantiv- oder lat. fallere -Verb-).

Mhmh, ich kann mir kaum vorstellen, dass Bahar Yilmaz es im wortwörtlichen Sinn meint: „Ich bin eine Täuschung und ich liebe es!?“

Nein, das kann sie doch nicht ausgedrückt haben wollen!? Wie ich sie bisher wahrnehme, ist ihr Authentizität sehr wichtig – also letztlich das Gegenteil von DEM Satz!

Oder, halt!? Vielleicht ist DAS der Schlüssel!
Mir kommt gerade in den Sinn, dass Bahar damit eventuell auf das universelle Gesetz der Polarität hinweisen wollte, welches darstellt, dass alles in der Welt zwei Pole hat und braucht!
Sehr schön dargestellt in der östlichen Tradition durch das Yin & Yang Symbol: in der Dunkelheit ist der Lichtpunkt und im Licht der Schattenpunkt. Beide Punkte sind als Kreis dargestellt, das heißt beide Pole bilden das Ganze.

Was also, wenn sie damit sagen wollte, dass wo Authentizität ist, ist auch Täuschung, wo Richtigkeit ist, ist auch Fehler!?
Aus dieser ganzheitlichen Sicht bekommt das Zitat für mich eine andere Intention. Das Eine kann nicht ohne das Andere existieren und beide Anteile sind gleichwertig und bedürfen unserer Liebe!


Die Magie des Reflektierens: Licht auf Schatten und Fehler werfen


„Ich bin ein Fehler und ich liebe es.“

Nun, wo ich darüber grübelte … äääh halt, wo ich gerade bei der Macht der Worte war, „positiver“ ausgedrückt: jetzt, wo ich das Zitat reflektierte, kann ich es besser annehmen – mein Bauchschmerz flaut deutlich ab!

Ich kann Bahar’s Worte wohl lesen, und gleichzeitig den Satz für mich mit BEIDEN „Polen“ stimmig umformulieren:

Ich bin Licht UND Schatten und ich liebe es!

Oder auch noch persönlicher: Ich bin hochsensibel und so viel mehr und ich liebe es!

Und ich hoffe zutiefst, dass auch alle anderen Vielfühler, dass so sagen und empfinden können!

Danke liebe Bahar, dass Du mich zum Nachdenken gebracht hast!

Ich fand mein „Licht“ in der „dunklen“, schmerzlichen Auseinandersetzung mit Deinen Worten!

„Das Licht wird in der Dunkelheit gefunden.“
° Thorwald Dethlefsen °

PS: DER Sinnspruch macht mir kein Bauchweh 😉

Wie geht es Dir mit dem Zitat?
Was war Dein erstes Gefühl dazu und wie denkst Du beim weiteren darüber Nachsinnen?


Mehr zum spannenden Thema FEHLER findest Du auch im Magazin von The-Coach.Net: https://the-coach.net/


 

4 Comments
  • Andrea-Maria Winkler
    Posted at 17:18h, 09 November Antworten

    Liebe Claudia,
    danke für deinen liebevoll geschriebenen und zum Nachdenken anregenden Blog…ich weiß nämlich als Hochsensible ganz genau, was du meinst, mit der Angst vor den Fehlernmachen und dem Ausgegrenztwerden aufgrund der hohen Sensibilität und Andersartigkeit. Und das Thema, zu Fehlern nicht souverän stehen zu können, kenne ich ebenfalls aus meiner Vergangenheit..Das Zitat worauf Du Dich beziehst, kenne ich nicht. Auch die Autorin nicht! Und ja, der erst Impuls war ein Zusammenziehen in der Magengrube, weil es sich für mich im ersten Moment so angehört hatte, als sei diese Autorin ein ungewolltes Kind und daher ein „Fehler“. Im zweiten Moment dachte ich mir, cooler Titel! So schön provokativ und polarisierend! Denn in unserer von lauter „Perfektionisten“ bevölkerten Leistungsgesellschaft, dürfen schon kleinste Fehler gar nicht mehr sein. Und meist finden wir irgendwelche Ausreden, um diese zu kaschieren oder zu entschuldigen. Anstatt einfach mal dazu zu stehen und mit Mitgefühl und liebevollen Wohlwollen uns auch im Nicht-Perfektsein anzunehmen. Umso interessanter das Gedankenkonstrukt gleich zuzugeben, eine GANZE, fehlerhafte Person zu sein und sich TROTZDEM zu lieben bzw. das ES -nämlich das Fehlerhaft-Sein. Das ist eine wahre Liebesbekundung an die eigene Persönlichkeit, die nun mal auch seine Fehler hat. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Frauen so frei und selbstbewusst mit ihren Unzulänglichkeiten umgehen würden. Denn fehlerhaft sein, bedeutet authentisch und eben Mensch sein! LG Andrea

    • ClaudiaPauli
      Posted at 12:29h, 10 November Antworten

      Liebe Andrea,
      von Herzen DANKE für Dein Feedback und Deine Gedanken dazu!
      Ja, ich wünsche mir auch, dass noch mehr „Masken“ fallen bzw. viel mehr „perfekt unperfekt“ zum Lebensmotto wird!
      Herzgruß, Claudia

  • Holger Theymann
    Posted at 20:21h, 16 November Antworten

    Hallo, liebe Claudia,

    danke, dass du mich in diesem Beitrag mitgenommen hast, auf die Reise deiner Gedanken.

    Mir gefällt der Gedanke, dass ich trotz Fehlern ok bin. Doch du, oder besser Bahar Yilmaz, hat mit dem Satz „ich BIN ein Fehler“ diese Idee auf eine ganz neue Ebene gehoben.

    Ein Fehler sein. Das fühlt sich nicht schrecklich an, für mich, doch schön ist auch anders. Schnell plappern stimmen in meinem Kopf und füllen den unspezifischen Fehler mit konkreteren Worten, die mehr zu meinem Leben passen und mir helfen, mich schlecht zu fühlen.

    Doch der Gedanke: „Fehler sind Entwicklungschancen“ ändert das schnell. Ich bin also gar kein Fehler… ich bin auf dem Weg der Verbesserung.

    Level Up durch Fehler.

    Ich mag diese Sichtweise sehr

    Danke, dass ich ein Stück der Reise mit dir gehen durfte

    Dein Holger.

    • ClaudiaPauli
      Posted at 17:15h, 17 November Antworten

      Danke Holger für Dein wertschätzendes Feedback und den zusammenfassenden Punkt: Let’s level up durch Fehler … sehr genial!

Post A Comment